St. Martin

Kalte, nasse, dunkle Jahreszeit. Lautes Singen. Trommelwirbel. Leuchtende Laternen. Strahlende Kinderaugen. Leckere Brezeln. Die Zeit der alljährlichen Martinsumzüge ist da. Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind …

Woher kommt diese Tradition?

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Die Martinszüge erinnern an den heiligen Martin von Tours. Zu Beginn des 4. Jhd wurde er in Ungarn, dem damals zum römischen Weltreich gehörenden Sabaria, geboren. Er diente als römischer Legionär und nahm während dieser Zeit den christlichen Glauben an. Bald nach seiner Taufe verließ er das Heer und wurde Mönch. Er lebte in verschiedenen Klöstern und wurde 372 n. Chr. gegen seinen Willen zum Bischof von Tours ernannt. 397 verstarb er in Candes.

Seine Bekanntheit bis in unsere Tage verdankt er folgender Geschichte der Nächstenliebe:

Als römischer Soldat ritt er in einer eisig kalten Nacht auf seinem Pferd durch den dicken Schnee.
Eiszapfen hingen von den Dächern und Bäumen. Am Wegrand saß ein vor Kälte zitternder, mit Lumpen nur notdürftig bekleideter Bettler. Dieser flehte Martin um Hilfe an. Der römische Soldat zückte sein Schwert und teilte seinen roten Soldatenumhang in zwei Teile. Die eine Hälfte schenkte er dem Bettler und rettete ihn damit vor dem sicheren Tod. Als dieser sich bedanken wollte, ritt Martin eilig mit seinem verbliebenen Mantelteil auf seinem Pferd davon.

Diese Geschichte ist heute noch ein leicht verständliches Vorbild für gelebte Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit. Meistens wird sie bei den Umzügen auch nachgespielt und es bleibt gut im Gedächtnis haften, wenn der purpurrote Soldatenumhang auf den Bettler gleitet und der sich darin einwickelt.

Dieser leuchtend rote Soldatenumhang erinnert an eine andere Szenerie, über 300 Jahre vor Martins Geburt. *Die Szene findet in Jerusalem statt, wahrscheinlich in der Burg Antonia. Im Prätorium, dem Sitz des Statthalters Pontius Pilatus sitzt ein Mann, dem man die eigenen Kleider genommen hat. Sein blutüberströmter Rücken ist tief aufgerissen von der eben erfolgten Geißelung. Er ist zum Tod am Kreuz verurteilt worden. Vier Mal stellt der Statthalter öffentlich seine Unschuld fest, doch der aufgewühlte Mob droht ihm mit einer eigenen Anklage. Besorgt um seine eigene Stellung überliefert und verurteilt er den Gefangenen und lässt stattdessen einen Mörder frei.

Die Kriegsknechte treiben ein makabres Schauspiel mit dem Verurteilten. Sie werfen ihm einen Purpurmantel um, flechten eine Krone aus Dornen und drücken sie auf seinen Kopf. Dieser Purpurmantel dient nicht zum Schutz vor Kälte oder zum Bedecken seiner Blöße, sondern es ist beißender Spott damit verbunden. So fallen sie auf ihre Knie und höhnen: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ Sie spucken ihm ins Gesicht. Sie schlagen ihm mit einem Rohr auf den Kopf, was die Dornen noch tiefer in die Kopfhaut treibt.

Als sie das grausame Schauspiel genügend genossen haben, ziehen sie ihm den purpurroten Mantel wieder aus, seine eigenen Kleider an und führen ihn hinaus nach Golgatha, wo er unschuldig ans Kreuz geschlagen wird. Zu Füßen des Kreuzes verteilen sie seine Kleider unter sich und würfeln um seinen Leibrock.

Wer ist dieser Mann, von dem keine Anklage, kein Verfluchen seiner Peiniger, kein Betteln um sein Leben zu hören ist?

Es ist Jesus Christus, der Sohn Gottes von Ewigkeit. Er verließ den Himmel, wurde Mensch und lebte hier auf dieser Erde. Der erste Mensch, auf den Gott mit Freude schauen konnte. Ein Mensch, der Gott gehorsam war. In dem keine Sünde war. Der nur Gutes tat. Der auf die Erde gekommen war, um für die sündigen Menschen einen Weg zu Gott zu schaffen, indem er stellvertretend die Todesstrafe trug, die Gott über die Menschen wegen ihrer Sünde sprechen musste.

Freiwillig ließ er sich schlagen und kreuzigen, obwohl er die Macht hatte, die Menschen in der Dauer eines Lidschlags zu vernichten. Nichts, gar nichts hätten diese armseligen Kreaturen ausrichten können, wenn er es nicht zugelassen hätte.

Ganz allein ging er diesen Weg bis ans Kreuz. Seine Jünger verließen ihn und flohen. Kein Beistand, kein Trost, kein Mitleid. Auch am Kreuz traf ihn beißender Spott, aber er hielt still und gab freiwillig sein Leben hin. Vorher aber kam der Siegesruf: „Es ist vollbracht!“ Mit diesen vier wichtigsten Worten in der Menschheitsgeschichte triumphierte er über den Satan und den Tod. Den Reinen und Sündlosen konnte der Tod und das Grab nicht behalten. Am dritten Tag stand er von den Toten auf und ist nun im Himmel zur Rechten Gottes.

Die Möglichkeit, Frieden mit Gott zu bekommen, steht durch seinen Tod und seine Auferstehung jedem Menschen offen. Doch nicht als billige Generalamnestie, denn dazu war der Preis zu hoch, den er zahlte. Gott erwartet eine persönliche Kapitulation. Die Einsicht, dass kein Mensch vor ihm aus eigenem Verdienst gerecht sein kann. Es gibt keinen anderen Weg als nur über seinen Sohn, den Mittler zwischen Gott und Menschen.

Dieser Jesus Christus, der hier verächtlich und für ein Nichts geachtet wurde, wird einmal als Richter und König vor den Menschen stehen, die ihn abgewiesen haben. Nicht mit einem lächerlichen Purpurmantel umhüllt, sondern in strahlenden Kleidern, die seine Würde und Majestät ausdrücken. Noch bietet Gott Gnade an, noch ist Zeit zur Umkehr. ---

*nachzulesen im Matthäusevangelium Kapitel 27 und im Johannesevangelium Kapitel 19