Wer denkt muss glauben

Lohnt es sich zu denken?

In allen Jahrhunderten waren viele führende Denker gleichzeitig religiös. Sie waren natürlich bei weitem nicht alle Christen, doch waren sie zu einem Großteil „gottgläubig“, also Theisten. Menschen wie Voltaire, Marx und Lenin, die Ausnahmen zu dieser Regel darstellen, hat es schon immer gegeben. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel. Denker wie Isaac Newton, Blaise Pascal, Michael Faraday stellen sicher eine Mehrzahl unter den Denkern dar. Der große Denker Paulus ist ein hervorragendes Beispiel dieser Überzeugung. Solche Männer fanden mit Hilfe ihres rationalen Denkens und ihrer Erfahrung die Bestätigung ihres Gottesglaubens – und in einigen Fällen ihres Christseins.

Berühmte gläubige Naturwissenschaftler

Viele heutige Denker vertreten die Ansicht, dass Albert Einstein der größte Naturwissenschaftler aller Zeiten war. Seine mathematische, logische Denkweise bezüglich der Entstehung und des Wesens des Weltalls führte auch ihn zu einem festen, überlegten Schöpferglauben. Seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse motivierten ihn vor allen Dingen zum Streben nach einem Verständnis der Schöpfungsmethodik des für ihn geheimnisvollen, aber denkenden Schöpfers. Einstein kam zu dem Ergebnis, dass Gott bei seiner Schöpfungstätigkeit nicht würfelte, sondern aufgrund von geplanten, mathematischen und zielgerichteten Voraussetzungen arbeitete. Würfeln war für Einstein und andere ein Gegenpol, eine Antithese zum Denken, die deshalb das Würfeln als Schöpfungsmethodik eines denkenden Schöpfers absolut ausschloss. Er schrieb Gott schöpferische, logische Gedanken und Planung (= Teleonomie) zu und lehnte von daher entschieden die gängige Mode ab, die alles Existierende dem Zufall und somit dem Nichtdenken, der Ziellosigkeit und der Unlogik zuschreibt. Einem denkenden, intelligenten Schöpfer das Nichtdenken, d. h. das Würfeln als Schöpfungsmethodik zuzumuten, wäre für Einstein deshalb ein Unding gewesen. Denn schreibt man einem intelligenten Menschen bei seinem Vorgehen Nichtdenken zu, verletzt man ihn damit.

Es ist natürlich klar, dass Einstein sich nicht zum Christentum bekannte. Seine Überzeugung hinsichtlich übernatürlicher Dinge reichte nur bis zu einem festen Schöpferglauben, der Einsteins Forschungen auf mathematischem und physikalischem Gebiet motivierte. Wie gesagt, begehrte Einstein Einsicht in die schöpferische Methodik – zu begreifen, wie Gott die Welt zustande brachte. Für ihn bestand das größte Wunder unseres Universums darin, dass es für uns wenigstens zum Teil verständlich ist. Wir können uns unsere vernünftigen, logischen Gedanken über die Schöpfung machen. Diese gehen also mit den Gesetzen des menschlichen Verstandes und Denkens konform. Einstein schloss daraus, dass das Universum (und die Biologie) seinen Ursprung deshalb nicht in Konzeptlosigkeit, Würfeln, toten Naturgesetzen oder Zufall haben kann, sondern vielmehr aufgrund von Verstand, Denken, Konzept, Mathematik, Intelligenz und Teleonomie zustande kam. Wir können mit Einstein sagen, dass unser Verstand und unsere Denkmethodik mit jenem schöpferischen Verstand und mit jener schöpferischen Logik, die die Welt erschuf, etwas Gemeinsamkeit besitzen müssen. Denn wir sind schließlich fähig, seine Gedanken zumindest teilweise zu begreifen und zu befolgen, auch wenn diese Fähigkeit nur schwach ausgeprägt ist. Gedanklich sind wir prinzipiell fähig, wenn auch nur ansatzweise, sozusagen auf der schöpferischen Wellenlänge zu denken – auch wenn unsere Gedanken seine Gedanken nie ganz begreifen werden. Allmählich fangen wir an, die gleichen Formulierungen und mathematischen Denkweisen wie die des Schöpfers von ferne zu ahnen.

Einstein ist natürlich nicht der einzige, den wir hier erwähnen müssen. Sir James Jeans, der große Physiker, Max Planck, der Entwickler der Quantentheorie, und Simpson, der Entdecker der schlaferzeugenden Wirkung von Chloroform bei chirurgischen Eingriffen, waren alle große Denker und Naturwissenschaftler, die ihr Denken von einem aktiven Schöpferglauben prägen ließen. Simpson war sogar ein eifriger Christ und Evangelist. Wie kommt es nun, dass diese Männer nebst vielen anderen naturwissenschaftlichen Denkern von ihrem Gottesglauben absolut überzeugt waren, während andere Denker wie Voltaire, Marx oder Lenin zur gegenteiligen Überzeugung bezüglich eines Schöpfers gelangten? Bei den einen Denkern bestätigten ihr Denken und ihre Naturwissenschaft ihren theistischen Glauben, während bei den anderen Denkern das Gegenteil der Fall war. Ist denn das Denken an sich wenig wert?

Glaube und Wissenschaft nicht vereinbar?

Man findet heute unter denkenden Menschen noch genau dasselbe Paradoxon (=etwas in sich Widersprüchliches). Bei den einen bestätigt das Denken den Glauben, während bei den anderen ihre Gedankengänge sie in die entgegengesetzte Richtung führen. Ist denn das Denken ein irreführendes Mittel; ist das Denken an sich unzuverlässig? Wenn das Denken ein unzuverlässiges Mittel zum Erreichen eines logischen Zieles ist, sollte man das Denken und das Philosophieren überhaupt aufgeben! Dann aber müssten wir aufhören, Homo sapiens zu sein! Denn dann würden wir unsere Spezies – die der Denkenden – aufgeben müssen! Besser wäre es, in diesem Fall ein apathischer Nichtdenker zu sein, der sich nur für sinnliche Freuden wie Essen und Trinken interessiert, als ein falscher Denker zu sein, der sich für Denkweisen ereifert, die doch nur zum falschen Ziel führen.

Warum können Denker wie Horkheimer, Habermas oder Marcuse aus der Frankfurter Schule durch ihr Denken entschiedene Atheisten werden, während ein Physiker wie Walter Heitler durch sein Denken entschiedener Christ wird? Wie kommt es, dass hervorragende Naturwissenschaftler wie z.B. der Nobelpreisträger F. H.C. Crick behaupten können, dass die Biologie besser chemisch und physikalisch als übernatürlich und metaphysisch zu verstehen sei? Crick ist der Überzeugung, dass der wissenschaftliche Denker eher an Chemie oder Physik als an „Metaphysik“ als die Quelle des Lebens glaubt. Doch warum dieses „Entweder Chemie oder Metaphysik“ als Erklärung des Ursprungs und der Bedeutung der Biologie? Sind denn die beiden Erklärungen Gegensätze, oder ergänzen sie sich? Schließen sie sich wirklich gegenseitig aus, wie Crick und unzählige andere anzunehmen scheinen?

Sehr viele heutige Naturwissenschaftler denken genauso wie Crick. Sie meinen, dass das Vorliegen einer verstandenen chemischen oder physikalischen Basis des Lebens – eines verstandenen chemischen Zellstoffwechsels – die Metaphysik als Basis des Lebens automatisch ausschließe: „In dem Augenblick, in dem wir die Zellchemie verstehen, wissen wir, dass eine metaphysische Erklärung des Lebens überflüssig wird.“ Da diese Denkweise heute fast universell und in den meisten Schulen und Hochschulen fleißig und dogmatisch gelehrt wird, müssen wir auf sie eingehen. Denn viele ehrlich denkende Naturwissenschaftler sind der absoluten, unerschütterlichen Überzeugung, dass das bloße Vorliegen der Beweise einer chemischen Basis des Lebens und des Zellstoffwechsels automatisch und zur gleichen Zeit die Metaphysik als Basis des Lebens total ausschließt. Ein Denker also, der um den Krebs- oder den Embden-Meyerhof-Zyklus und deren Bedeutung in der Energieversorgung der Biologie Bescheid weiß, wird nach obigem Denkprinzip automatisch eine metaphysische Basis des Lebens in Frage stellen. Ein solcher Denker ist nach heutiger Denkmethode aufgeklärt und den metaphysisch Denkenden, die noch an Gott als wirklichen biologischen Faktor glauben, intelligenzmäßig überlegen. So wurden wenigstens ich und viele andere in unserem Biochemielaboratorium erzogen.

Eine physikalisch-chemische Erklärung der Basis des Lebens vernichtet demnach jeglichen metaphysischen „Aberglauben“ auf biologischem Gebiet – das ist die moderne Parole. Man meint, dass „Naturwissenschaft die Religion tötet“. Stimmt das?

Crick und viele andere mit ihm meinen also, dass die bloße Entdeckung der Tatsache, dass der Mensch und sämtliche biologische Wesen, materiell gesehen, chemisch begründete Systeme sind, zur gleichen Zeit autoritativ und automatisch den Beweis dafür liefert, dass das Übernatürliche als die Basis der Erschaffung und des Wesens des Menschen zu bezweifeln ist. Stillschweigend wird natürlich angenommen, dass das Zeit Raum-Kontinuum die ganze universelle Realität darstellt. Deshalb kann ja, naturwissenschaftlich gesehen, keine übernatürliche Realität existieren. Wenn sie nicht existiert, dann kann sie selbstverständlich den biologischen Mechanismus des Menschen oder der Biologie nie geliefert haben. Deshalb hat man alles über den Menschen entdeckt, wenn man seine chemische und physische Basis und seine Mechanismen entdeckt hat.

Wie entsteht nun Cricks Überzeugung, dass jeder neuverstandene Stoffwechselmechanismus einen metaphysischen Ursprung des Lebens noch mehr als je zuvor ausschließt? Diese Überzeugung beherrscht heute fast die ganze denkende naturwissenschaftliche Welt, obwohl sie offensichtlich irrational (unvernünftig) ist. Damit absolut keine Missverständnisse entstehen, wiederholen wir Cricks Überzeugung: Jeder neuverstandene chemische Stoffwechselmechanismus macht eine metaphysische Herkunft des Lebens noch unwahrscheinlicher, als sie es vor dieser Entdeckung war.

Was sagt diese Überzeugung aus? In Wirklichkeit besagt sie, dass jedes neue Verständnis der Wirkungsweise irgendeiner Maschine die Erschaffung und Konzeption dieser Maschine durch einen Ingenieur unwahrscheinlicher macht. Also, je besser man die Funktionsweise irgendeiner Maschine begreift, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Maschine von einem Ingenieur entworfen und gebaut wurde! Je mehr man versteht, wie die Maschine funktioniert, desto sicherer wird es, dass kein Ingenieur, sondern die aus Materie bestehende Maschine die Maschine baut! Mit anderen Worten: Je besser man die Funktion eines Zylinderkopfes versteht, desto sicherer wird es, dass das Eisen (oder das Leichtmetall) des Zylinderkopfes den Kopf entwarf und konstruierte! Je besser man das Radio versteht, desto sicherer wird es, dass die Drähte den Apparat selber bauten!

Cricks Aussage ist offenbar irrational! Die Wissenschaftler, die einer solchen Aussage glauben, müssen ebenso irrational sein! Vielleicht hatten also die Neandertaler mit ihrer Einschätzung des modernen Menschen doch recht: Er ist nicht rational, sondern emotional.