Von Gott gesucht und gefunden

„Sucht, und ihr werdet finden“ (Lukas 11,9),

dieses Wort hat der Vater im Himmel an einem Tag im Juni 1949 an mir wahrgemacht.

Es war die Zeit der Frühlingsfeste. Ich liebte diese Vergnügungen, denn ich war kein „Kind von Traurigkeit“. Ein großer Ball war angesagt und da wollte ich hin. Da mein Mann aber gehbehindert war, bekam ich von ihm eine Absage – Was nun? Obwohl Tanzpartner genug kommen würden, wollte ich unbedingt gemeinsam mit meinem Mann zu dieser Veranstaltung gehen.

In diesen Tagen fand ich am Arbeitsplatz während des Mittagessens „zufällig“ eine Zeitschrift, in der über eine vielversprechende christliche Veranstaltung berichtet wurde. Ohne weitere Überlegung dachte ich ganz naiv: Ob du da mal hinfährst? – Vielleicht wird man für die Heilung meines Mannes beten und wir könnten dann gemeinsam zum Frühlingsball gehen.

Dieser dumme Gedanke gehörte zu Gottes Plan – es war Sein Weg für mich.

Als ich von der Zeitschrift aufschaute, sah ich mir gegenüber eine gläubige Arbeitskollegin. Sie betete gerade vor der Mahlzeit.

Ich zeigte ihr die Zeitschrift um Näheres zu erfahren. Die Kollegin sagte mir warnend, man müsste vorsichtig sein, nicht alles Christliche käme von Gott. Sie ermunterte mich dann aber doch, einmal dort hinzugehen – sie würde für mich beten.

Der Abend kam und ich zog los. Ganz fein hatte ich mich gemacht: Tolle blonde Frisur, bestes Kleid, geschminkt und auffallende Stöckelschuhe!

Nein - ich wusste nicht, was eine Evangelisation war und kannte keine christlichen Versammlungen. Ich wusste auch nichts von Jesus Christus, obwohl ich getauft und konfirmiert wurde. Der Heiland war mir einfach unbekannt.

Als wir im Treppenhaus der Aula ankamen, hörte ich das Lied singen:  

Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart; ich geb mich hin dem freien Triebe, womit ich Wurm geliebet ward. Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.

Ich muss bekennen: Liebe bedeutete bis dahin nur: „Bettgeschichten“.

Vor der Saaleingangstür stand alles dichtgedrängt voller Menschen. Was dann geschah, war für mich ein Wunder: Ohne Aufforderung gingen die Leute vor mir auseinander und ich konnte durch den Gang des vollbesetzten Raumes bis nach vorne gehen. Dort war noch ein freier Platz.

Ein Chor sang gerade das Lied:

Ich weiß einen Strom, dessen herrliche Flut, fließt wunderbar stille durchs Land; doch strahlet und glänzt er wie feurige Glut. Wem ist dieses Wasser bekannt? Ref.: O Seele, ich bitte dich: Komm! Und such diesen herrlichen Strom! Sein Wasser fließt frei und mächtiglich; O glaube, es fließet für dich!

Anschließen sang man das Lied:

Möchtest du los sein vom Banne der Sünd? Es ist Kraft in dem Blut, Kraft in dem Blut!

Beim Hören der Lieder und in der außergewöhnlichen Atmosphäre „fror“ ich innerlich, obwohl es sommerlich warm war. Da stand ich nun, äußerlich so aufgedonnert und doch – innerlich so leer und hilflos.

Am liebsten wäre ich sofort wieder unerkannt verschwunden. Aber der Gang stand jetzt voller Menschen, ich war eingekesselt.

Heute sage ich: Gott sei Dank dafür! 

Es wurde gesungen, gebetet und ich hörte die Predigt. Ich weiß nicht mehr, was aus der Bibel vorgelesen und was gesagt wurde. Aber etwas von der Botschaft blieb bei mir „hängen“: Du musst einmal an Jesus vorbei - entweder jetzt als deinem Heiland oder später als deinem Richter.

Ich aber wusste nicht, was „Heiland und Richter“ bedeutete. Ich bekam Angst und mir kamen die Tränen. In meinem Herzen hallten die Worte wider: Heiland – Richter –  Richter – Heiland.

Nach Ende der Veranstaltung ging ich weinend zu Fuß nach Haus. Niemanden wollte ich sehen und sprechen. Innerlich völlig aufgewühlt ging ich zu Bett.

Am nächsten Morgen lief ich als erstes zu meiner Tante. Ich wusste: Die geht zur Kirche. Ihr habe ich mein Erlebnis erzählt und gefragt, was ich tun müsste, um auch „so zu werden“ wie die Menschen „mit den klaren Augen“.

Die Tante sagte auf Plattdeutsch zu mir:

„Dat müsse glöwen (glauben)“.

Ich fragte zurück: „Wat glöwen?“ Sie: „Dat glöwen“. „Wat; dat?“, erwiderte ich. Sie: „Na dat“...

Ich war so unglücklich, denn bei ihr fand ich nicht die rechte Antwort. Gewissermaßen stand ich wie vor einer „hohen Mauer“ – und die wollte ich überwinden. Aber wie? Ruhelos lief ich in meiner Wohnung hin und her. Ich sprach das „Vater unser“, sprach alle Kindergebete, die ich in der Schule gelernt hatte. Nichts änderte sich, ich war trostlos und verzweifelt.

Aber Gott in seiner Liebe nahm sich meiner Not an und wirkte an mir. Damals war mir das nicht bewusst.

In der Stille meines Schlafzimmers habe ich dann zum ersten Mal richtig gebetet. Ganz gut erinnere ich mich noch heute an die einfachen Worte:

„O Gott, ich falte jetzt meine Hände und bete zu dir. Lass mich etwas von dir erfahren – egal was! Ich muss es wissen: Sieh, wenn jetzt nichts passiert, dann weiß ich, es gibt dich nicht“.

Ich legte langsam meine Hände zusammen. Es war mir so ernst, es ging mir wirklich um „Sein oder Nichtsein“…

Nun durfte ich die Wahrheit von Psalm 50 Vers 15 erleben:

„Rufe mich an am Tag der Bedrängnis: Ich will dich erretten, und du wirst mich verherrlichen“.

O, wie wunderbar ist unser Vater im Himmel. Gott sei Preis, Ehre und Dank!

Plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge meinen Lebensfilm ablaufen: Ich sah meine Kinderhand, wie sie ein Radiergummi klaute. Ich sah, was ich meinen Eltern, meinem Mann und vielen anderen angetan hatte. Schnell lief alles vor mir ab, wie ein Film – sehr genau.

Ich lag auf dem Boden und schrie zu Gott:

„Vergib, vergib, o Gott im Himmel“.

Ich sah mich so, wie ich war: Eine Sünderin, die Vergebung brauchte.

Ich glaubte eine „feine“ Stimme zu hören, die sagte:

„Freue dich, freue dich, dir sind deine Sünden vergeben!“

Gleichzeitig zog eine unglaublich große Freude in mein Herz. Glücklich stand ich auf – voller Dank: Ich war ein neuer Mensch geworden.

Das Zimmer erschien mir auf einmal ganz hell. Ich schaute nach draußen: Alles war für mich strahlender, freundlicher – ja, alles um mich war neu geworden.

Zunächst suchte ich mein Neues Testament, das ich zur Konfirmation bekommen hatte. Die ersten Worte, die ich las waren:

„Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“.

Ich dachte, ich müsste jetzt sterben. Dennoch wurde ich glücklich bei dem Gedanken. - Aber der Herr Jesus wollte es anders.

Als mein Mann spät von der Arbeit nach Hause kam, fiel ich ihm um den Hals und jubelte:

„Ich bin ein Gotteskind geworden; Er hat mir vergeben, denn Jesus hat meine Sünden auf sich genommen“.

Das hatte mir niemand gesagt, aber es muss der Heilige Geist gewesen sein, der mir das bezeugte.

Am nächsten Morgen ging ich zu meinem Vater und erzählte, was geschehen war. Der aber meinte trocken:

„Das geht wieder vorüber ...“ 

Dann suchte ich freudestrahlend den Pfarrer auf. Der sah mich verständnislos an und sagte nur:

„So, so“

– und wandte sich ab. Seine Reaktion empfand ich wie eine kalte Dusche.

Damals war ich so erfüllt von meinem großen Bekehrungserlebnis, dass ich allen möglichen Leuten erzählte, was ich erlebt hatte.

Der treue Herr kümmerte sich weiter um mich: Meine Arbeitskollegin lud mich zu einer christlichen Gemeinde ein. Da fand ich viele Glaubensgeschwister und wurde mit großer Freude aufgenommen.

Große Sorge hatte ich um meinen noch unbekehrten Mann. Der meinte zunächst, ich hätte einen religiösen Wahn. Er hatte Angst um mich.

In der Folge vollzog sich auch ein Wandel in meinem Äußeren. Recht bald hatte ich im Ort die Namen „büßende Magdalena“ und „blauer Engel“. Einmal bekam ich einen Brief auf dem nur mein Name mit dem Zusatz „fromm“ stand. Die Post kam an.

Da ich kein Verständnis über die Bibel hatte, schickte mir Gott in seiner Gnade einen älteren Christen der mir Grundsätzliches in der Bibel zeigte und erklärte.

Und dann geschah ein weiteres Wunder: Mein Mann wurde gläubig an den Herrn Jesus. Welche Freude war das für mich!

Durch unser gemeinsames Zeugnis kamen in der Folge viele Menschen aus unserer Familie und aus der Nachbarschaft zum Glauben an den Herrn Jesus Christus.

Jede Woche trafen wir uns in unserem Haus gemeinsam mit einigen älteren Brüdern, die uns aus Gottes Wort belehrten. Und immer mehr Menschen führte der Herr hinzu, mit denen wir uns in unserem kleinen Haus versammelten. Sie alle hörten mit Freude die gute Botschaft von unserem Herrn Jesus Christus. Gemeinsam lernten wir unseren Heiland und Herrn Jesus Christus in seiner Liebe immer besser kennen. Wir standen unter dem Eindruck: Der Herr Jesus ist in unserer Mitte.

Das war der Anfang meines Glaubenslebens. –

Jahrzehnte sind vergangen, mit Höhen und Tiefen, mit Fallen und Aufstehen. Aber ich kann bezeugen: Der treue Herr verließ mich niemals! Immer stand Er mir treu zur Seite. Meine Errettung ist mir gesichert durch sein Blut und wird mir versichert durch sein Wort.

Inzwischen bin ich über 90 Jahre alt. Im Glauben darf ich mit den Augen meines Herzens die Herrlichkeit des Herrn in Gottes Wort sehen. Durch den Geist Gottes werde ich von Herrlichkeit zu Herrlichkeit geführt. Wie groß ist der Reichtum, den ich in dem Herrn Jesus habe!

Meine Hoffnung und mein Ziel ist:

Bei dem Herrn Jesus in der Herrlichkeit des Vaterhauses zu sein, an jenem Ort voller Liebe und Licht! Der Herr Jesus hat verheißen:

Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen

– und das ist meine tägliche Erwartung.